Ich zähle ja nicht zu den geborenen Sprüche- und Zitateklopfern dieser Erde, die in jeder mündlichen wie schriftlichen Konversation und zu absolut jedem Thema G´scheites von mehr oder weniger bekannten Köpfen parat haben. Welch bewundernswerte Gabe für diesbezüglich Ungebildete wie mich. Einmal gelesene oder gehörte Zitate, die ich mir aufgrund von Genialität unbedingt merken möchte, landen in meinem Oberstübchen in derselben Kiste ohne Boden wie sämtliche merkenswerte Witze. Alles da Verstaute fällt in ein schwarzes Loch und ist auf immer und ewig verschollen. Der Vorteil ist: Ich bin dadurch genötigt, mir selber G´scheites einfallen zu lassen.
Aber nun zum eigentlichen Grund meiner Aufregung: Heute nacht wurde ich doch tatsächlich vom Geist des Franz Kafka heimgesucht. Er war aber sehr sittsam, roch nach feuchten Waldboden und flüsterte mir folgende Worte mit unendlicher Ruhe ins Ohr:
„In den Wäldern sind Dinge, über die nachzudenken man jahrelang im Moos liegen könnte.“
Und weg war er wieder. Mein grünes Herz bebte vor Sehnsucht. Ich fühlte jedes Wort und die Worte dazwischen. Doch es war Nacht, so schlug ich mein Traumwald-Bilderbuch auf und beamte mich in einen vor Gesundheit sich aufbäumenden, urwilden Wald. Die restliche Nacht umtanzte ich die vielen Waldwesen, bewunderte die skurrilen Muster und abnormen Formen, die schattigen Farben und fühlbaren Naturkunstwerke, ich begrüßte die Blühfreudigen und verabschiedete die Dahinscheidenden. Solange, bis ich außer Atem zu Boden ging und meinen erschöpften, aber glücklichen Kopf in ein saftiggrünes, feenfluffiges Moospolster bettete. Meine Wangen ließen sich von den Moosfedern liebkosen.
Nach einigen Sekunden des Inneliegens war mir mit einem Mal klar, warum Kafka sich für die Konjunktivform „liegen könnte“ entschieden hat.
Was ich da in meiner bodenhaftenden Distanz zu meinem moosbewachsenen Steinkopfkissen für extraterrestrisch anmutende Geschöpfe entdeckte, ließ mir keine erholsame Sekunde Zeit, über das davor Gesichtete zu sinnieren. Ich maße mir daher an, des genialen Schreibers Zitat zu vollenden:
„…, wären nicht in den Moosen Dinge, über die nachzudenken man lebenslang im Wald verbringen könnte.“
Text und Bild: Sandra Leis
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