28. Februar 2021

AUS DEM TAGEBUCH EINES HASELSTRAUCHES

AUS DEM TAGEBUCH EINES HASELSTRAUCHES  (Corylus avellana)

„Das war wiedereinmal ein verrückter Tag, aber ich erzähle von vorne:

Eigentlich sind meine Nächte immer sehr ruhig und erholsam, ohne besondere Vorkommnisse oder aufregende Ereignisse. Doch die heutige Nacht war eine besonders aufregende Nacht – eine VOLLMONDNACHT. Da passieren oft die seltsamsten Dinge.

Und tatsächlich, just als ich am Tor zur Traumwelt stand, witterte ich menschliche Schwingungen. Sofort war ich wieder hellwach. Wer suchte meine Nähe um diese unchristliche Zeit?

Das hellleuchtende Mondlicht enthüllte mir nackte Tatsachen – im wahrsten Sinne des Wortes, stand doch tatsächlich wieder dieser urige, weißbärtige Eichenflüsterer und Haselstrauchverehrer in meinem Kraftfeld. SPLITTERFASERNACKT! Aber ich kenne ihn schon. Der Druide aus dem Keltendorf nebenan besucht mich öfters, auch tagsüber und in weiße Kleider gehüllt. Er ist immer äußerst höflich und freundlich. Heute Nacht bat er mich doch tatsächlich auf Knien um einen Ast. EINEN einzigen Ast! Keine Ahnung, warum der so auf mich steht – oder zumindest auf Teile von mir, wären doch genug andere Sträucher und Bäume mit Ästen ohne Ende um mich herum. Aber bitteschön, wenn es ihn glücklich macht! Ich habe ja genug davon. Hm, aber neugierig bin ich schon. Wenn ich doch nur wüsste, was er damit vorhat. (Anm.d.Red.: Das Holz der Hasel gilt als das energieleitendste und wurde von unseren Vorfahren zu Wünschelruten, Zauberstäben und Hexenbesen veredelt.)

Und doch war ich froh, als der ulkige Nackedei mit Ast und leuchtenden Augen von dannen zog, war ich doch schon so müde. Auch wenn ich Jugendlichkeit ausstrahle, bin ich nicht mehr der Jüngste und benötige dringend meinen Antiaging-Schlaf. Als Belohnung für die Ast-Spendenaktion wurde ich mit wunderschönen Träumen beschenkt. Ich bekam Besuch:

Ein menschliches Liebespaar wählte meine Aura als Treffpunkt ihres Dates. Darüber freue ich mich immer besonders, denn es ehrt mich sehr, gleichzeitig Tatort und Zeuge der Liebe zu sein. Und ich bin auch artig, ich schaue immer weg, wenn sie sich küssen. Und doch wird gemunkelt, ein Stelldichein unter einer Hasel soll verantwortlich für schnellen Nachwuchs sein. Aber ich schwöre, ich habe NICHTS damit zu tun.

Wenn da nicht ständig diese lästigen Spatzen gewesen wären, die mich in meinem Liebestraumtaumel störten. Sie pieksten mich da und dort und ich hatte alle Äste damit zu tun, sie zu verscheuchen. Zuerst dachte ich ja, sie seien Bestandteil des Traumes, bis ich sah, wer mich piesackte. Es waren keine Vögelchen, sondern ein quirliges Eichhörnchen.

Das – sorry – echt nervige Eichhörnchen labte sich an meinen Knospen und jungen Blättern, die gerade in voller Frische austrieben. Es erschrak sehr, als es bemerkte, dass ich wach war. Ich fragte schlaftrunken: „Warum isst du mich?“. Das Eichhörnchen begann zu weinen und entschuldigte sich schluchzend: “ Deine Knospen lindern meinen hartnäckigen Husten, lassen mich mein Fieber ausschwitzen und stärken mich. Ich konnte dich nicht um Erlaubnis bitten, da du so friedlich schliefst. Verzeih mir bitte.“ Ich antwortete: „Hör auf zu flennen und nimm dir, soviel du benötigst. Ich habe genug Kraft für uns beide.“ Sichtlich erleichtert und bereits wieder voller Zuversicht und Lebensenergie hüpfte der kleine Schelm davon. Und ich sage euch, mir ist nicht entgangen, dass er seine Backentaschen noch hurtig mit Knospen vollgestopft hat. Aber ich verüble es dem Kerlchen nicht. Habe ich doch genug für alle.

Nun war es mit der vollmondscheinbaren Nachtruhe vorbei. Die Sonne löste die Nachtschicht des Mondes mit der mitreissenden Tagesenergie ab. Es war ein Vorfrühlingstag wie aus dem Bilderbuch. Die aktiven Windgeister hüllten die vielen Spaziergänger in zartgelbe Pollenstaubwolken und manche Menschen sind darüber gar nicht amused. Doch genau jene sollten mir regelmäßig einen Besuch abstatten und von meinen heilsamen Knospen kosten. Das würde ihnen die allergischen Flausen austreiben.

So gegen Mittag besuchte mich wieder ein Menschenpärchen, aber diesmal nicht zum Küssen. Sie baten mich, ob sie ihr mitgebrachte Leinensäckchen mit meinen Haselkätzchen füllen dürften. Sie meinten, sie wollen Mehl für Kekse und Chutney daraus mahlen. Ich freue mich immer, wenn ich für ESSENzielles eingesetzt werde.

Meinen Segen hatten sie, jedoch nicht ohne das Versprechen, noch genug Futter für meine Bienchen übrig zu lassen und die Haselmehlkekse mit anderen lieben Menschenskindern zu teilen.“

Das Versprechen halten wir und liefern auch gleich das Rezept dazu:

KELTEN-KRINGEL (archäologisch belegtes keltisches Honiggebäck)

Zutaten:

2 Handvoll Lieblingsmehl, 1 Handvoll Haselkätzchenmehl, 1/2 Handvoll Haselnüsse, 2 Eier, 1 Handvoll Honig (anschließend kannst du wem Honig ums Maul schmieren), nach Gefühl Hefe und Wasser, nach Geschmack Salz

Zubereitung: Mische alles in rechtem Maß zusammen und verknete die Masse zu einem homogenen, weichen Teig. Gib ihm eine angemessene Pause zum Reifen. Forme anschließend daraus formvollendete Kringel. Bereite eine Feuerglut. Packe die Kringel in ein feuerfestes Naturmaterial und lege das Gebäck solange in die Glut, bis es fertig gebacken ist.

Inspiriert? Dann viel Spaß beim Nachbacken!

Eure Sandra

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